Definition
Kumbhaka bezeichnet im Yoga die Phase der Atemruhe zwischen Ein- und Ausatmung. Sie ist kein bloßes Atemanhalten, sondern ein Zustand vorübergehender Stabilität, in dem Atem, Prāṇa und Geist zur Ruhe kommen können.
Hintergrund
Der Sanskrit-Begriff kumbhaka leitet sich von kumbha („Gefäß", „Krug") ab und verweist bildhaft auf das Sammeln und Halten. In klassischen Yogatexten beschreibt Kumbhaka die Atemphase, in der weder Ein- noch Ausatmung stattfinden.
In der Haṭha Yoga Pradīpikā wird Kumbhaka ausführlich behandelt und in verschiedene Formen unterschieden. Auch in den Yoga Sūtras des Patañjali wird Atemruhe im Zusammenhang mit Prāṇāyāma erwähnt (YS II.49–51), jedoch ohne technische Ausdifferenzierung. Der Fokus liegt dort auf der Wirkung: Beruhigung des Geistes und Vorbereitung auf innere Sammlung.
Kumbhaka kann spontan auftreten oder bewusst gestaltet werden. In beiden Fällen ist entscheidend nicht die Dauer, sondern die Qualität der Atemruhe.
Bedeutung für die Praxis
In der Yogapraxis wird Kumbhaka häufig missverstanden als willentliches Atemanhalten oder als Leistungsmerkmal. Klassisch verstanden ist Kumbhaka jedoch ein Regulationszustand, kein Ziel an sich.
In der Krishnamacharya-Tradition und im Viniyoga wird Kumbhaka sehr zurückhaltend eingesetzt. Atemruhe entsteht idealerweise als natürliche Folge einer ausgewogenen Atemführung. Sie wirkt besonders auf:
- die Beruhigung von citta
- die Reduktion der Dynamik von citta-vṛtti
- die Vertiefung von Wahrnehmung und Sammlung
Auch in der Meditation spielt Kumbhaka eine Rolle: Phasen von Atemruhe können sich einstellen, wenn Aufmerksamkeit stabil wird. Diese Momente werden nicht forciert, sondern beobachtet und integriert – im Sinne von Viveka.
Kumbhaka zeigt exemplarisch, dass Atemarbeit im Yoga nicht mechanisch, sondern beziehungsorientiert verstanden wird: zwischen Atem, Aufmerksamkeit und innerer Haltung (Bhāvana).
Literatur
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Svātmārāma. Haṭha Yoga Pradīpikā. Verschiedene Ausgaben.
Relevanz: Klassische Quelle zur Rolle von Kumbhaka im Haṭha Yoga; beschreibt Wirkung und Einbettung in den Übungsweg. -
Mallinson & Singleton 2017 – Historische Einordnung von Kumbhaka in verschiedenen Yoga-Traditionen.
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Taimni 1961 – Klar strukturierte Darstellung der Wirkung von Kumbhaka auf Geist und Aufmerksamkeit.
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Mohan & Mohan 2017 – Funktionale, sicherheitsorientierte Einordnung von Atemruhe in individueller Praxis.
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Desikachar 1995 – Zeigt Kumbhaka als natürliche Folge ausgewogener Atemführung, nicht als Technikziel.