Glossar

Dhyāna

Dhyāna bezeichnet im Yoga den Zustand anhaltender Meditation, in dem die Aufmerksamkeit kontinuierlich und ohne Unterbrechung bei ihrem Objekt verweilt.

Definition

Dhyāna bezeichnet im Yoga den Zustand anhaltender Meditation, in dem die Aufmerksamkeit ohne bewusste Anstrengung bei einem gewählten Fokus verweilt. Es ist das siebte Glied des achtgliedrigen Yogawegs (Aṣṭāṅga Yoga) nach Patañjali.

Hintergrund

Der Sanskrit-Begriff dhyāna bedeutet „Betrachten", „Verweilen" oder „kontinuierlicher Aufmerksamkeitsfluss". In den Yoga Sūtras des Patañjali (Sūtra III.2) wird Dhyāna als ununterbrochener Strom der Wahrnehmung beschrieben, der aus stabiler Konzentration (Dhāraṇā) hervorgeht.

Während Dhāraṇā das bewusste Halten der Aufmerksamkeit erfordert, zeichnet sich Dhyāna durch eine zunehmende Mühelosigkeit aus. Die Aufmerksamkeit bleibt stabil, ohne immer wieder neu ausgerichtet werden zu müssen. Gedanken können weiterhin auftreten, verlieren jedoch ihre dominierende Wirkung.

In der klassischen Yogalehre ist Dhyāna kein isolierter Zustand, sondern das Ergebnis eines vorbereitenden Übungswegs, der ethische Ausrichtung, körperliche Stabilität, Atemregulation und Rückzug der Sinne umfasst.

Bedeutung für die Praxis

In der Praxis wird Meditation häufig als Technik verstanden. Aus yogischer Sicht beschreibt Dhyāna jedoch vor allem einen Zustand, nicht eine Methode. Er lässt sich nicht erzwingen, sondern entsteht aus geeigneten Bedingungen.

In der Krishnamacharya-Tradition wird Dhyāna als natürliche Vertiefung einer gut abgestimmten Praxis betrachtet. Atemführung, Rhythmus, innere Ausrichtung und regelmäßige Übung schaffen die Voraussetzungen dafür, dass sich meditative Qualität einstellen kann.

Für Übende bedeutet Dhyāna weniger das „Stillwerden aller Gedanken" als eine veränderte Beziehung zu ihnen. Aufmerksamkeit wird ruhiger, weiter und weniger reaktiv. Diese Qualität bildet die unmittelbare Voraussetzung für Samādhi, das achte Glied des Yogawegs.

Literatur

  • Desikachar 1995 – Praxisnahe Beschreibung von Meditation als Ergebnis individueller, alltagsnaher Yogapraxis.
  • Bryant 2009 – Präzise Kommentierung der Unterscheidung zwischen Dhāraṇā und Dhyāna.
  • Feuerstein 2001 – Historische Einordnung von Dhyāna im Kontext klassischer und späterer Yogatraditionen.