Definition
Adhikāra bezeichnet im Yoga die individuelle Eignung oder Angemessenheit für bestimmte Inhalte, Methoden oder Praxisformen. Es beschreibt die Frage: Was ist für diese Person zu diesem Zeitpunkt passend?
Hintergrund
Der Sanskrit-Begriff adhikāra bedeutet „Befähigung", „Zuständigkeit" oder „Berechtigung". In klassischen indischen Lehrtraditionen wurde darunter verstanden, dass nicht jede Lehre für jede Person gleichermaßen geeignet ist.
Auch in der Yoga-Tradition findet sich die Vorstellung, dass Praxis an Alter, Lebensphase, Gesundheitszustand und Ziel angepasst werden sollte. Dieses Prinzip wurde in der Krishnamacharya-Tradition besonders betont und gilt als eine Grundlage des Viniyoga-Ansatzes.
Desikachar (1995) beschreibt Yoga als Werkzeug, das entsprechend der individuellen Situation ausgewählt und angepasst wird.
Bedeutung für die Praxis
Adhikāra schützt vor Überforderung und Dogmatismus. Es erinnert daran, dass:
- nicht jede Technik für jede Person geeignet ist,
- Intensität und Komplexität angepasst werden müssen,
- Ziel und Mittel in Beziehung stehen.
Gerade im therapeutischen Kontext ist Adhikāra von besonderer Bedeutung. Medizinische Vorgaben, Belastbarkeit und psychosoziale Faktoren bestimmen mit, welche Praxis sinnvoll ist.
Adhikāra verbindet damit ethische Verantwortung (Ahimsa) mit methodischer Differenzierung (Krama) und individueller Anpassung (Viniyoga).
Literatur
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Desikachar (1995). The Heart of Yoga: Developing a Personal Practice. Inner Traditions. Relevanz: Beschreibt individuelle Anpassung als Kern yogischer Praxis.
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Mohan, A. G. (2010). Krishnamacharya: His Life and Teachings. Shambhala. Relevanz: Kontextualisiert die Betonung individueller Eignung in der Krishnamacharya-Tradition.
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Feuerstein (2001). The Yoga Tradition. Hohm Press. Relevanz: Historische Einordnung yogischer Lehr- und Praxisprinzipien.