Definition
Abhyāsa bezeichnet im Yoga die kontinuierliche, engagierte Ausrichtung der Übung über einen längeren Zeitraum. Gemeint ist nicht bloße Wiederholung, sondern ein beständiges Dranbleiben mit Aufmerksamkeit, Geduld und innerer Stabilität.
Hintergrund
Der Begriff abhyāsa stammt von der Sanskrit-Wurzel abhi–ās und bedeutet so viel wie „sich etwas immer wieder annähern" oder „sich fest darauf ausrichten". In den Yoga Sūtras des Patañjali wird Abhyāsa erstmals im Samādhi Pāda eingeführt (Sūtra I.12–14).
Patañjali beschreibt Abhyāsa als eines von zwei grundlegenden Prinzipien zur Beruhigung des Geistes – gemeinsam mit Vairāgya (Nicht-Anhaften). Abhyāsa wird dabei ausdrücklich qualifiziert: Übung wird wirksam, wenn sie
- über lange Zeit,
- ohne Unterbrechung
- und mit ernsthafter Ausrichtung praktiziert wird.
Abhyāsa ist damit kein kurzfristiges Training, sondern eine Haltung gegenüber dem Übungsweg selbst.
Bedeutung für die Praxis
In der Praxis moderner Yogatraditionen wird Abhyāsa häufig mit Disziplin oder Regelmäßigkeit gleichgesetzt. Aus klassischer Sicht greift das zu kurz. Entscheidend ist nicht die Intensität einzelner Einheiten, sondern die nachhaltige Kontinuität einer Praxis, die sich an den realen Lebensbedingungen orientiert.
In der Krishnamacharya-Tradition – insbesondere im Viniyoga – wird Abhyāsa als fein abgestimmte, wiederholbare Praxis verstanden. Eine Übung gilt dann als sinnvoll, wenn sie langfristig gepflegt werden kann und Wirkung über Zeit entfaltet.
Abhyāsa wirkt stets im Zusammenspiel mit Vairāgya: Engagement ohne Verkrampfung, Beständigkeit ohne Leistungsdruck. Erst diese Balance ermöglicht geistige Ruhe und Klarheit.
Literatur
- Desikachar 1995 – Praxisnahe Übertragung von Abhyāsa als individuell angepasste, alltagstaugliche Übungsform.
- Bryant 2009 – Präzise Kommentierung von Abhyāsa im Kontext von Übung, Zeit und geistiger Stabilität.
- Feuerstein 2001 – Historische Einordnung von Abhyāsa im Gesamtzusammenhang yogischer Praxis.